Wir sehen uns vor Gericht!

wir sehen uns vor gericht

Wahrlich ein bunter Strauß von Strafprozessfällen war das, den die Schüler der GMF 1 (Gestaltungstechnische Assistenten mit dem Schwerpunkt Medien/Kommunikation) zusammen mit ihrem Politiklehrer Clas Möller auf den Zuschauerrängen im Amtsgericht Iserlohn an der Friedrichstraße zu sehen bekamen. Durch die Verhandlungen führte Richter Dr. Ozimek. Die häufigste Blume in diesem Strauß war – für niemanden überraschend – das Eigentumsdelikt.

So kommt es selbst in dem so reichen Deutschland wohl noch immer vor, dass ein linker Vorderreifen an einem abgestellten Fahrzeug gestohlen wird und an das eigene Fahrzeug montiert wird, natürlich ohne das nun reifenlose Fahrzeug auf Ziegelsteinen aufzubocken. „Ich konnte mir zu der Zeit keinen neuen Reifen leisten. Dann habe ich mir einen Reifen gestohlen, wo ein Auto rumsteht,“ so der Angeklagte, dem zudem noch Sachbeschädigung und mannigfaches Erschleichen von Beförderungsleistungen vorgeworfen wurden, was ihm vor dem Iserlohner Amtsgericht u.a. eine ordentliche Geldstrafe einbrachte. Zudem muss er die Kosten des Verfahrens tragen.

Allerdings treibt abweichendes Verhalten mitunter auch sehr, sehr bizarre Blüten, und so schob auch eine 70 Jahre alte Iserlohner Rentnerin, offenkundig selbst Opfer von Internetkriminalität, ihren Rollator zur Anklagebank. Mit der Begründung, sie erwarte eine Erbschaft, hatte sich die Siebzigjährige bei ihrer 77 Jahre alten Nachbarin ganze 22.000 Euro „geborgt “, um Gebühren für eine Erbschaft zu begleichen. Über MoneyGram hatte die Angeklagte dann wohl große Summen an Internetkriminelle in Afrika überwiesen. Weil die Rentnerin ohnehin bereits im Jahre 2016 wegen Verstöße gegen das Geldwäschegesetz schon einmal verurteilt worden war – sie hatte an sie zugeschickte i-phones einfach an andere Personen ins Ausland weiterversandt – verurteilte sie Richter Dr. Ozimek u.a. zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung wegen Betrugs in einem schweren Fall, verbunden mit einer hohen Geldauflage zu Gunsten einer gemeinnützigen Organisation.

Mit dem letzten Fall, den Richter Dr. Ozimek an diesem Donnerstagvormittag am Iserlohner Amtsgericht aufrief, wurde dann auch der Kreis der Eigentumsdelikte verlassen. So drehte sich dieser Fall um eine körperliche Misshandlung, die sich auf der Schlesischen Straße in Iserlohn im Juni 2016 zugetragen hatte, bei der das Opfer u.a. eine Nasenbeinfraktur und einen Hörverlust davontrug. Dass der Fall nicht noch deutlich schlimmer geendet war, war wohl nur der Zivilcourage von zwei Autofahrern zu verdanken, denen Richter Dr. Ozimek im Rahmen der Zeugenanhörung für ihr umsichtiges und couragiertes Verhalten ausgesprochen dankte.

Deutlich wurde für die Schüler aber auch bei der Mehrzahl der an diesem Tag vor Gericht verhandelten Fälle, dass eine geringe Qualifikation und prekäre Einkommensverhältnisse Risikofaktoren für die Entwicklung von Kriminalität sind. Oder anders herum: wie wichtig eine qualifizierte Ausbildung und ein stabiles Einkommen sind.

(Text: Clas Möller)


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