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"Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert“

Sicherlich. Eigenartig, gar irritierend wirkte er zunächst einmal, der Titel dieser Fortbildung, die auf Initiative von Meinolf Remmert von der Integrationsagentur der Arbeiterwohlfahrt in Kooperation mit dem Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen am Berufskolleg des Märkischen Kreises in Iserlohn stattfand und sich an Mitarbeitende in der Jugendarbeit und Lehrerinnen und Lehrer wandte.

Aber leider beschreibt dieser irritierende Begriff nur zu gut die heutige rechtsextreme Szene. „Denn beim Rechtsextremismus haben wir es mit einem Verschmelzen von jugendnahen mit rechtsextremen Erlebniswelten zu tun“, so Thomas Pfeiffer vom Innenministerium NRW. Wichtigste Zielgruppe der Rechtsextremen seien, so fuhr er fort, die heute 16-Jährigen. Darauf sei auch ihre heutige Strategie ausgerichtet. Es gehe darum Spaß als strategisches Instrument zu nutzen. Die Symbolik, Ästhetik und Bildersprache hätten sich modernisiert, sie kämen auf dem ersten Blick harmloser daher, betonte Thomas Pfeiffer.

Deutlich zu erkennen seien diese Verharmlosungsstrategien an den CD-Covern von rechtsextremen Musikgruppen. Denn optisch orientierten sich diese Cover auf dem ersten Blick eher an den Kodizes von BRAVO als an der Hitler-Jugend. Letztendlich, so Thomas Pfeiffer, könne der heutige Rechtsextremismus in jedem (Jugend)Look daherkommen, da es Ziel sei, ein neues Image zu produzieren. Darüber dürfe man aber nicht vergessen, dass die rechtsextreme Szene staatsfeindlich und gewaltbereit geblieben sei.

Wie verhältnismäßig leicht man als Jugendlicher in die rechtsextreme Szene abdriften kann, erläuterte im zweiten Teil der Veranstaltung der Szene-Aussteiger „Sascha“, der als Zwölfjähriger zum ersten Mal Kontakt zu der Szene hatte. „Ich wollte Anschluss an eine Gruppe finden“, so Sascha, „und gewaltaffin war ich auch“. Anschluss findet er dann bei deutlich älteren Neonazis, die ihn dann auch zu Wehrsportübungen in Belgien mitnehmen. Im Laufe der Zeit nimmt die Radikalisierung stark zu. Bald macht er auch vor massiven Prügeleien keinen Halt mehr.

Dann, mit 19, greift er zusammen mit einem anderen einen Obdachlosen an, der an den Folgen des Angriffs stirbt. Die Anklage lautet auf versuchten Mord, und Sascha wandert zunächst einmal ins Gefängnis. Aber letztendlich war dies auch seine Chance. „Denn aus der Szene holen dich nur zwei Sachen raus: der Knast oder die Frau“, so Sascha.

Tatsächlich setzt die Zeit im Gefängnis bei Sascha einen Reflexionsprozess in Gang, und Sascha begreift, dass er aus der rechtsextremen Szene nur aussteigen kann, wenn er jeglichen Kontakt zu ihr abbricht. Ein „Exit“, der inzwischen 21 Jahr her ist und der sein Leben vollständig umgekrempelt hat. Denn Sascha und eine ungarische Jüdin, die er in der Disco kennenlernt hatte und deren Eltern vom NS-Regime im KZ umgebracht wurden, wurden ein Paar.

(Text: Clas Möller)

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